Navigieren in Glattfelden

Zwei Ukrainer packen im Dorf mit an

Oleksandr (links) und Roman engagieren sich regelmässig in Glattfelden.

Nichts tun ist keine Option

Glattfelder App 20.9.2026, Gemeinde Glattfelden

Roman ist Schreiner, Oleksandr Mechatroniker. Beide kamen aus der Ukraine in die Region. Heute arbeiten sie auf dem Friedhof und in der Wertstoffsammelstelle in Glattfelden mit. Denn einfach zu Hause sitzen wollen sie nicht.

Wer auf dem Friedhof Glattfelden auf einer der Holzbänke Platz nimmt, sitzt möglicherweise auf Romans Arbeit. Der 45-Jährige hat mehrere davon restauriert. Auch bei Gartenarbeiten packt er mit an. Sein Landsmann Oleksandr, 65, arbeitet ebenfalls regelmässig auf dem Friedhof. Zudem helfen beide in der Wertstoffsammelstelle.

Warum ihnen diese Arbeit wichtig ist, erzählen Roman und Oleksandr beim alten Kindergarten vis-à-vis des Friedhofs. Dort befindet sich das Büro von Blerim Begzati, dem Asylkoordinator von Glattfelden. Beide Männer sind mit dem Velo gekommen. Meistens reicht ihr Deutsch für das Gespräch. Wenn nicht, hilft Begzati beim Übersetzen.

Derzeit leben 67 Menschen aus dem Asylbereich in Glattfelden. Roman ist einer von ihnen. Oleksandr lebt im benachbarten Weiach und arbeitet ebenfalls in Glattfelden mit.

Roman bringt seine langjährige Erfahrung als Schreiner auch in Glattfelden ein.

Roman, 45: ,,Ich möchte arbeiten"

Zwanzig Jahre lang arbeitete Roman in der Ukraine als Schreiner. «Die Schreinerei ist mein Beruf und mein Hobby», sagt er. Auch in Glattfelden arbeitet er wieder mit Holz. Die Bänke auf dem Friedhof hat er abgeschliffen und instand gesetzt.

Doch dabei bleibt es nicht. Roman putzt, übernimmt Gartenarbeiten und hilft in der Wertstoffsammelstelle. Dort nimmt er entgegen, was die Leute bringen, und zeigt, welcher Abfall wohin gehört.

Sein Tag beginnt früh. Zuerst bringt er seine jüngste Tochter in den Kindergarten, danach geht er arbeiten. Um zwölf Uhr holt er sie wieder ab.

Warum ihm die Beschäftigung so wichtig ist, erklärt Roman in seiner Muttersprache. Er arbeite nicht, weil er müsse, sondern weil es ihm guttue. Zu Hause zu sitzen, setze ihn unter Stress. Für ihn ist deshalb klar: «Ich möchte arbeiten.»

In der Ukraine lebte Roman zunächst in Donezk, später in Odessa. Sein Leben dort beschreibt er als ruhig. Mit dem Krieg änderte sich sein Leben. «Ich habe alles verloren», sagt er. Die Wohnung, den vertrauten Alltag, sein bisheriges Leben.

Mit seiner Frau und den Kindern kam Roman direkt nach Glattfelden. Fünf Kinder leben mit ihm hier. Eines besucht den Kindergarten, die anderen gehen zur Schule.

Ob er zurückkehren möchte, wenn es in der Ukraine wieder sicher ist, beantwortet Roman nicht zuerst für sich selbst. Er denkt an seine Kinder. «Meine Kinder müssen dort bleiben, wo es sicher ist.»

Am liebsten würde er wieder als Schreiner arbeiten. Eine passende Stelle in der Region hat er bisher nicht gefunden. Hinzu kommt die familiäre Situation. Mit fünf Kindern wird er zu Hause immer wieder gebraucht. Inzwischen erhält er Unterstützung bei Bewerbungen und wird von einem Jobcoach begleitet.

Asylkoordinator Blerim Begzati glaubt, dass Roman trotz der schwierigen Stellensuche Chancen hat. «Es sieht im Moment nicht rosig aus. Aber wegen seines Engagements wäre die Möglichkeit da.»

Eine der grössten Hürden ist die Sprache. Roman lässt sich jedoch nicht davon abhalten, mit den Menschen im Dorf ins Gespräch zu kommen. Er habe inzwischen auch Schweizer Freunde gefunden. «Es gefällt mir, mit Leuten zu kommunizieren. Das ist für mich sehr wichtig.»

Die Menschen hier erlebt er als lustig, ruhig und fleissig. Auch den öffentlichen Verkehr schätzt er. Probleme als Ausländer habe er keine, sagt Roman.

In seiner Freizeit ist er gerne mit seinen Kindern unterwegs oder steigt aufs Sportvelo. Bis nach Lauterbrunnen ist er damit bereits gefahren, auch in Bellinzona war er. Gerne würde er noch mehr von der Schweiz sehen, am liebsten gemeinsam mit seiner Familie.

Oleksandr lebt in Weiach und kommt für seine Einsätze regelmässig nach Glattfelden.

Oleksandr, 65: Ordnung, Natur und Gitarre

Auch Oleksandr kennt einen Arbeitsalltag, in dem technisches Können gefragt war. Der 65-Jährige stammt aus der Gegend von Kiew und arbeitete in der Ukraine als Mechatroniker an CNC-Maschinen. Seit 2022 lebt er in Weiach. Seine Frau und seine Tochter sind ebenfalls hier. Die Tochter besucht derzeit das 10. Schuljahr und ist auf der Suche nach einer Lehrstelle.

Heute arbeitet Oleksandr dort mit, wo Unterstützung gebraucht wird. Auf dem Friedhof übernimmt er Gartenarbeiten, daneben hilft er in der Wertstoffsammelstelle.

Seinen Tag beginnt er gerne mit einem Spaziergang. Danach geht er zur Arbeit. Einfach nichts zu tun, könne er sich kaum vorstellen, sagt er. Die Beschäftigung gebe seinem Alltag Struktur und mache ihn zufrieden.

An der Schweiz sind ihm besonders die Ordnung und die Sauberkeit aufgefallen. Er schätzt zudem die Natur rund um Glattfelden und ist viel zu Fuss unterwegs. Zu Hause liest er und spielt Gitarre.

Was ihm fehlt, sind die Menschen, die früher selbstverständlich zu seinem Alltag gehörten. «Mir fehlen hier meine Freunde», sagt Oleksandr.

Während für Roman vor allem die Sicherheit seiner Kinder zählt, zieht es Oleksandr zurück in die Ukraine. Er möchte heimkehren, sobald es die Lage zulässt.

Im Alltag verbindet die beiden dennoch vieles. Sie wollen beschäftigt sein, mithelfen und ihrem Tag eine Aufgabe geben. Wie Asylkoordinator Blerim Begzati betont, sind Roman und Oleksandr mit ihrem Engagement keine Ausnahme. Auch andere Geflüchtete aus Glattfelden helfen regelmässig mit, etwa im Kafi Judith oder während der Saison im Freibad, wo sie das Team bei der Sauberkeit der Anlage unterstützen.

Nach dem Gespräch gehen Roman und Oleksandr wieder an die Arbeit. Auf dem Friedhof warten die nächsten Aufgaben. Und dort stehen auch die Bänke, denen Roman bereits neues Leben eingehaucht hat.

Prospekt Fertigelementbau Wisengrund [pdf, 1.6 MB]

zum Seitenanfang